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Über
100.000 Menschen aus dem gesamten besetzten Europa wurden zwischen 1938
und 1945 in das KZ Neuengamme und seine Außenlager verschleppt.
Etwa die Hälfte von ihnen überlebte die Haftzeit nicht. Sie
wurden von der SS, gemäß dem Prinzip der „Vernichtung durch
Arbeit“, ermordet: durch brutale Gewalt, Hunger und Zwangsarbeit,
Hinrichtungen bzw. systematische Mordaktionen.
Nach der Befreiung nutzte die britische Armee das frühere
KZ-Gelände in Neuengamme vorübergehend als DP-Camp,
später dann als Internierungslager. 1948 richtet die Hamburger
Justizbehörde auf dem Bereich des ehemaligen Schutzhaftlagers ein
Gefängnis ein und riegelte große Teile des ehemaligen
KZ-Geländes ab. Nur eine unscheinbare Muschelkalksäule, die
der Hamburger Senat auf Drängen der Überlebenden, jedoch an
abgelegener Stelle errichtete, erinnerte ab 1953 an die an diesem Ort
geschehenen Verbrechen.
1948 gründeten ehemalige Häftlinge des KZ Neuengamme in der
Bundesrepublik die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme. Sie kamen u.a. aus
dem Hamburger „Komitee ehemaliger politischer Gefangener“. In
Erinnerung an die von den Nazis Ermordeten trat die AGN für ein
anderes, besseres Deutschland ein. Ihre Mitglieder halfen den aus den
Konzentrationslagern Entlassenen, kümmerte sich um Renten- und
Entschädigungsfragen und organisierte Treffen für
Hinterbliebene. Die AGN sammelte zudem Zeugenaussagen und Berichte
über den gesamten Lagerkomplex Neuengamme, sodass im Laufe der
Jahre ein umfangreiches Archiv entstand, das bis heute die Basis der
Erforschung der Geschichte des KZ Neuengamme bildet. Zunächst
diente dies hauptsächlich dazu, untergetauchte oder bis dahin
unbehelligt gebliebene NS-Verbrecher zu identifizieren. Denn die
Täter setzten nach der Entnazifizierung, von Ausnahmen abgesehen,
einfach ihre politischen oder beruflichen Karrieren in der Mitte der
Gesellschaft fort. Die bundesdeutsche Gesellschaft schwieg in den
ersten Nachkriegsjahrzehnten über ihre direkte und indirekte
Beteiligung an den nationalsozialistischen Verbrechen, und den Nutzen,
den sie aus dem Vernichtungskrieg, der Ausplünderung und Ermordung
von Millionen Menschen gezogen hatte.
Der Kalte Krieg bot den westdeutschen Politikern die Chance, sich
gegenüber den Westalliierten als Helfer gegen die vermeintliche
kommunistische Bedrohung aus dem Osten zu gerieren. Ehemalige
Widerstandskämpfer wurden als „Vaterlandsverräter“, Kritiker
der BRD als „Agenten Moskaus“ denunziert. Die „Vereinigung der
Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) wurde 1948 als „kommunistische
Tarnorganisation“ eingestuft. Der Hamburger Senat bildete innerhalb der
bundesdeutschen Bemühungen, die Nazivergangenheit zu
verdrängen, keine Ausnahme. Bürgermeister Max Brauer
unterstützte nicht nur den Gefängnisbau auf dem Gelände
des ehemaligen KZ Neuengamme, sondern verbot 1951 die jährlichen
„Pèlerinagen“ (Gedenkfahrten) ehemaliger Häftlinge aus dem
Ausland. Mitte der fünfziger Jahre erzwangen französische
Überlebende die Erlaubnis, ihrer Toten nicht mehr nur am
Urnenmahnmal auf dem Friedhof Ohlsdorf, sondern in Neuengamme selbst
gedenken zu dürfen.
1958 schlossen sich - auf Initiative der AGN - die
westeuropäischen Häftlingsverbände zur „Amicale
Internationale KZ Neuengamme“ zusammen. Erst durch internationalen
Druck kam es Anfang der 1960er Jahre zu Gesprächen mit dem Senat,
der dann 1965 das heutige Mahnmal einrichtete, wobei die AIN die
Skulptur des sterbenden Häftlings finanzierte. Erst 1981 wurde das
seit langem geforderte Dokumentenhaus in unmittelbarer Nähe des
Mahnmals eröffnet - das sich schnell als zu klein erwies, um der
Aufgabe als Gedenk- und Forschungsstätte gerecht zu werden.
Weiterhin protestierten die Häftlingsverbände gegen die
Nutzung des ehemaligen Häftlingslagers als Gefängnis, da der
Ort, an dem zahllose ihrer Kameraden ermordet worden waren, kein Platz
sei, um „humanen Strafvollzug auszuüben“, sondern ein Friedhof.
Statt jedoch die Vollzugsanstalt zu schließen, errichtet der
Senat 1970 eine weitere Anstalt, nun im Bereich der ehemaligen
Tongruben. Erst im Jahr 1989 erklärte Hamburgs Erster
Bürgermeister Dr. Henning Voscherau, dass der Senat zu einer
Verlegung der Gefängnisse grundsätzlich bereit sei. Vierzehn
Jahre später, am 30. Juni 2003, wurde die JVA XII geräumt.
Damit standen der Gedenkstätte erstmals die noch erhaltenen
Gebäude des ehemaligen „Schutzhaftlagers“ zur Verfügung. Im
Februar 2006 wurde schließlich das zweite Gefängnis, die JVA
IX, geschlossen und fast vollständig abgerissen.
Im Juni 2008 besteht die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme seit 60 Jahren.
Fast 60 Jahre dauerte der Kampf der überlebenden Häftlinge
des KZ Neuengamme, ihrer Angehörigen und UnterstützerInnen
gegen die Schändung des Andenkens an die Opfer des KZ Neuengamme
durch die von der Stadt Hamburg betriebene Nachkriegsnutzung des
ehemaligen KZ-Geländes. Der Kampf für die Errichtung einer
würdigen Gedenkstätte am historischen Ort ist nun beendet.
Der Kampf gegen die zunehmende Verharmlosung und Relativierung der
NS-Verbrechen, wie z.B. die versuchte Gleichstellung des
mörderischen NS-Regimes mit dem der ehemaligen DDR, oder gegen
vermeintliche Lehren aus den NS-Verbrechen, wie z.B. die Rechtfertigung
des Krieges gegen Jugoslawien 1999, um dort ein "neues Auschwitz zu
verhindern", sowie gegen die Neubelebung alter deutscher Opfermythen
wird weitergehen.
In
Erinnerung an die Millionen Männer, Frauen und Kinder, die von den
Deutschen in ganz Europa im NS-Vernichtungskrieg und in den KZ ermordet
wurden, wird die AGN jedweden Varianten der Relativierung,
Historisierung und Instrumentalisierung der NS-Verbrechen auch in
Zukunft entgegentreten.
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