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Mittwoch, 12. November 2008, 20:00 Uhr

»... DAS WAR JA KEIN SPAZIERGANG IM SOMMER «

Ort: Buchhandlung im Schanzenviertel, Schulterblatt 55, 20357 Hamburg


Vorstellung des gerade neu erschienen Buches der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme.

Aus der Sicht ehemaliger Häftlinge des KZ Neuengamme wird die Geschichte des Überlebendenverbandes dargestellt. In historischen Rückblenden wird über Menschen erzählt, die ihre Erinnerung an die Stätte ihres Leidens dem Vergessen entreißen mussten, und über junge Menschen, die die Verpflichtung aus dem antifaschistischen Kampf in die Gegenwart und Zukunft tragen.

Das Buch ist zum Preis von € 12,00 direkt über die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme zu beziehen.


Dienstag, 2. Dezember 2008, 20:00 Uhr

GESCHICHTE UND AKTUALITÄT DES ÜBERLEBENDENVERBANDES ARBEITSGEMEINSCHAFT NEUENGAMME

Ort: Villa Ichon, Goetheplatz 4, 28203 Bremen


Buchvorstellung mit Sabine Homann und Michael Grill

»... das war ja kein Spaziergang im Sommer« antwortete spontan der fast 90-jährige Fritz Bringmann, Überlebender des KZ Neuengamme und Ehrenpräsident der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme (AGN), auf die Frage nach seinen Erfahrungen seit der Gründung der Interessenvertretung der ehemaligen deutschen Häftlinge am 6. Juni 1948 am Friedhof Timmendorfer Strand.
Dieses Zitat wurde zum Titel des im Konkret Literatur Verlag erschienen Buches in dem Sabine Homann und Michael Grill die facettenreiche Geschichte der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme nachzeichnen. Das Buch skizziert die Last der Erinnerung und die politischen Kämpfe um eine Gedenkstätte. Es verweist auf die Solidarität der KZ-Häftlinge und stellt Akteure der Organisation sowie Überlebende und Nachgeborene vor.

Diese Veranstaltung findet in Kooperation mit der Reihe Antifaschistische Perspektiven der Erinnerung der Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen statt.

Das Buch ist zum Preis von € 12,00 direkt über die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme zu beziehen.


Weitere Veranstaltungshinweise und Infos:


 

 















Das KZ Neuengamme 1938-1945
Ende 1938 errichtete die SS das KZ Neuengamme, zuerst als Außenlager des KZ Sachsenhausen mit wenigen 100 Häftlingen. Die Stadt Hamburg schloss mit der SS einen Vertrag über die Produktion von Klinkersteinen, die der Neugestaltung der Stadt Hamburg zu einer repräsentativen „Führerstadt“ dienen sollte. Ab 1940 wurde Neuengamme rasch als eigenständiges großes Lager für ganz Norddeutschland ausgebaut. Die Nationalsozialisten deportierten mehr als 100.000 Männer und Frauen aus vielen Ländern Europas ins KZ Neuengamme und die fast 90 Außenlager. Grund für ihre Inhaftierung und Deportation war meist Widerstand gegen die deutsche Besatzung, Auflehnung gegen Zwangsarbeit oder rassistisch motivierte Verfolgung. Gemäß ihrem Prinzip der „Vernichtung durch Arbeit“ ermordeten die Nationalsozialisten etwa die Hälfte der mehr als 100.000 Häftlinge des KZ Neuengamme. Sie starben völlig ausgezehrt aufgrund der tödlichen Existenzbedingungen und Zwangsarbeit, an Hunger, Kälte und fehlender medizinischer Versorgung sie wurden totgeprügelt, hingerichtet, mit Phenolinjektionen und im Rahmen medizinischer Experimente ermordet. Um keine Spuren ihrer Verbrechen zu hinterlassen, räumte die SS das Stammlager Neuengamme vollständig, sodass die britische Armee Anfang Mai 1945 ein leeres Lager vorfand. Der Hamburger Gauleiter Kaufmann hatte sich sehr nachdrücklich für diese Räumung eingesetzt, denn nichts sollte mehr an die enge Verbindung der Hansestadt Hamburg mit der SS erinnern.

Der lange Kampf für eine würdige Gedenkstätte
Nachdem die Briten das Gelände des ehemaligen KZ Neuengamme als Internierungslager für Funktionsträger des NS-Staates sowie Wehrmachtsangehörige und ehemalige SS-Mitglieder genutzt hatten, wurde es 1948 an die Stadt Hamburg zurückgegeben. Umgehend errichtete diese genau auf dem Bereich des ehemaligen Häftlingslagers eine große Justizvollzugsanstalt, andere Teile des Geländes wurden an Firmen vermietet oder abgerissen. 1970 errichtete die Stadt Hamburg auf dem Gelände des KZ ein zweites Gefängnis, diesmal auf dem Bereich der ehemaligen Tongruben des KZ.
Viele Jahre lang wurden ehemalige Häftlinge, die dort, am historischen Ort, Gedenkfeiern abhalten wollten, von der Stadt Hamburg am Betreten des Geländes gehindert und die Gedenkfeiern verboten. Die Stadt Hamburg ignorierte die Proteste der ehemaligen Häftlinge gegen die Schändung des Geländes durch die Gefängnisse und kam den Forderungen nach einem würdigen Ort des Gedenkens auf dem Gelände des ehemaligen KZ nicht nach. Im Jahre 1953 stellte der Hamburger Senat eine kleine, abseits gelegene Muschelkalksäule mit der wenig aussagekräftigen Aufschrift „Den Opfern“ auf.
Nur aufgrund des jahrelangen Kampfs der Amicale Internationale KZ Neuengamme (AIN, gegründet 1958), dem internationalen Verband der ehemaligen Häftlinge des KZ Neuengamme, unterstützt durch verschiedene Initiativen, und aufgrund massiver internationaler Proteste, vor allem aus Frankreich, errichtete die Stadt Hamburg im Jahr 1965 das große internationale Mahnmal, das heute noch dort zu sehen ist. In den folgenden Jahrzehnten konnten dem Hamburger Senat in einem langwierigen Kampf weitere Teile des ehemaligen Lagergeländes abgerungen werden: 1981 wurde als erstes kleines Museum das Dokumentenhaus errichtet, Mitte der 1980er Jahre wurde das verfallende Klinkerwerk unter Denkmalschutz gestellt, 1995 wurde das Dokumentenhaus in ein Haus des Gedenkens umgewandelt und zeitgleich mit einer neuen Dauerausstellung in den Walther-Werken eröffnet. Erst 2003 begann die schon 1989 von der Stadt Hamburg versprochene Verlegung der JVA XII vom Gelände des ehemaligen Häftlingslagers. 2005, zum 60. Jahrestag der Befreiung wurde das dann neu gestaltete Gelände samt neuer Ausstellungen an die KZ-Gedenkstätte übergeben. Erst 2006 wurde auch das zweite Gefängnis abgerissen.
Das Gelände der ehemaligen Tongruben, auf dem dieses zweite Gefängnis stand, wird am 19. Mai offiziell an die Gedenkstätte übergeben, sodass nun, 62 Jahre nach der Befreiung, nach der jahrzehntelangen Schändung des Andenkens an die Opfer des KZ Neuengamme durch die von der Stadt Hamburg betriebene Nachkriegsnutzung des Geländes, und dem ebenso langen Kampf der Überlebendenverbände, ihrer Angehörigen und Unterstützerinnen und Unterstützer für eine würdige Gedenkstätte, die KZ-Gedenkstätte nahezu das ganze Gelände des ehemaligen KZ umfasst. Wir erinnern daran, dass diese Gedenkstätte in Jahrzehnten durch die internationalen Häftlingsverbände, ihre Angehörigen, Freunde und Mitstreiterinnen erkämpft werden musste.

Umkämpftes Gedenken
Die bundesdeutsche Gesellschaft schwieg in den ersten Nachkriegsjahrzehnten weit gehend über ihre direkte und indirekte Beteiligung an den nationalsozialistischen Verbrechen, und den Nutzen, den sie aus dem Vernichtungskrieg, der Ausplünderung und Ermordung von Millionen Menschen gezogen hatte. Viele Täter setzten nach der Entnazifizierung ihre politische oder berufliche Laufbahn in der Mitte der Gesellschaft fort, kehrten in ihre Ämter als Lehrer, Richter, Ärzte zurück. Schon damals beklagten viele Vaters oder Opas „schreckliche Erlebnisse in russischer Kriegsgefangenschaft“, den „Bombenkrieg“ und die „Vertreibung“, während sie darauf beharrten, von den nationalsozialistischen Verbrechen „nichts gewusst“ zu haben, oder sie schlichtweg leugneten.
Heute leugnet im Land der Täter kaum jemand mehr die nationalsozialistischen Verbrechen, da mit der Wiedervereinigung die Anerkennung der NS-Verbrechen als Beweis der Läuterung des deutschen Staates unabdingbar geworden war. Die Forderungen nach Entschädigung von verschiedenen NS-Opfergruppen, die nach dem Abschluss des 2-plus-4-Vertrags gegen die deutsche Regierung erhoben worden waren, konnten jedoch nur sehr partiell durchgesetzt werden. Das Motto bundesdeutscher Entschädigungspolitik änderte sich im Verlauf der vergangenen 62 Jahre wenig: Die nationalsozialistische Verfolgung wurde nur nach langen Kämpfen anerkannt und mit kleinen Summen entschädigt. Heute werden die NS-Verbrechen von Regierungsseite zwar sofort moralisch anerkannt, gezahlt wird in den meisten Fällen trotzdem nicht.
Zum fortgesetzten Schutz der NS-Täter vor Strafverfolgung und der Weigerung, alle Opfer der NS Verbrechen angemessen und umfassend zu entschädigen, setzte sich in den letzten Jahren in der bundesrepublikanischen Gesellschaft eine zunehmende Relativierung der NS-Verbrechen durch, wie z.B. die Rechtfertigung des Krieges gegen Jugoslawien 1999, um dort ein „neues Auschwitz zu verhindern“, oder die versuchte Gleichstellung des mörderischen NS-Regimes mit dem der ehemaligen DDR, „die Deutschen als Opfer zweier Diktaturen“. Deutlich erkennbar ist insgesamt der Versuch, die singulären deutschen Verbrechen auf ein allgemeines Maß von Menschenrechtsverletzungen in aller Welt herunter zu brechen. Nachdem das Gedenkjahr zum 60. Jahrestag der Befreiung abgelaufen war, forderte Brandenburgs Innenminister Schönbohm anlässlich des 61. Jahrestages der Befreiung die ehemaligen Häftlinge des KZ Sachsenhausen bei ihrer Gedenkfeier dazu auf, auch der Insassen des russischen Speziallagers Sachsenhausen, und somit auch ihrer Folterer sowie der Mörder ihrer Mithäftlinge zu gedenken. Im deutschen Fernsehen kommen heute ehemalige SS- und Wehrmachtsangehörige gleichbedeutend mit ehemals Verfolgten zu Wort. Erschütternd viele Deutsche meinen mittlerweile wieder offen und öffentlich, die Opfer der NS Verbrechen genug gewürdigt zu haben und dass endlich die Zeit dafür sei, über das deutsche Volk als Opfer z.B. des „terroristischen Bombenkrieges der Alliierten“ oder der Vertreibungen zu sprechen. Dieser Diskurs vermeidet, wie schon in den ersten Nachkriegsjahrzehnten, die entscheidende und eigentliche Frage nach dem Warum. Derart entpolitisiert, werden die Deutschen zu unschuldigen Opfern der Nationalsozialisten (die sie gewählt haben), des Zweiten Weltkrieges (den sie begonnen haben) oder gar noch der Alliierten stilisiert. Gleichzeitig wird versucht, sie in eine Reihe mit den Millionen Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie zu stellen.

Wehren wir uns gegen Verharmlosung, Relativierung und Historisierung der NS-Vernichtungspolitik! Gegen den wieder erwachten deutschen Opfermythos!



















10/2008 | Impressum