25.03.2017
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Das KZ Neuengamme 1938-1945

Ende 1938 errichtete die SS das KZ Neuengamme, zuerst als Außenlager des KZ Sachsenhausen mit wenigen 100 Häftlingen. Die Stadt Hamburg schloss mit der SS einen Vertrag über die Produktion von Klinkersteinen, die der Neugestaltung der Stadt Hamburg zu einer repräsentativen „Führerstadt“ dienen sollte. Ab 1940 wurde Neuengamme rasch als eigenständiges großes Lager für ganz Norddeutschland ausgebaut. Die Nationalsozialisten deportierten mehr als 100.000 Männer und Frauen aus vielen Ländern Europas ins KZ Neuengamme und die fast 90 Außenlager. Grund für ihre Inhaftierung und Deportation war meist Widerstand gegen die deutsche Besatzung, Auflehnung gegen Zwangsarbeit oder rassistisch motivierte Verfolgung. Gemäß ihrem Prinzip der „Vernichtung durch Arbeit“ ermordeten die Nationalsozialisten etwa die Hälfte der mehr als 100.000 Häftlinge des KZ Neuengamme. Sie starben völlig ausgezehrt aufgrund der tödlichen Existenzbedingungen und Zwangsarbeit, an Hunger, Kälte und fehlender medizinischer Versorgung sie wurden totgeprügelt, hingerichtet, mit Phenolinjektionen und im Rahmen medizinischer Experimente ermordet. Um keine Spuren ihrer Verbrechen zu hinterlassen, räumte die SS das Stammlager Neuengamme vollständig, sodass die britische Armee Anfang Mai 1945 ein leeres Lager vorfand. Der Hamburger Gauleiter Kaufmann hatte sich sehr nachdrücklich für diese Räumung eingesetzt, denn nichts sollte mehr an die enge Verbindung der Hansestadt Hamburg mit der SS erinnern.

Geschichte

Zwischen 1938 und 1945 leiden im Konzentrationslager Neuengamme 106.000 Menschen aus dem gesamten besetzten Europa. Sie werden als „Feinde“ des NS-Regimes verschleppt. Etwa die Hälfte von ihnen ist bei Kriegsende tot.

1948, nachdem die Briten, die das frühere KZ vorübergehend als Internierungslager nutzten, das Gelände geräumt haben, richtet die Hamburger Justizbehörde dort ein Gefängnis ein. Fortan ist der Ort abgeriegelt. Einzig eine abseits gelegene, unscheinbare Kalkmuschelsäule, die der Hamburger Senat 1953 auf Drängen der Überlebenden aufstellt, erinnert daran, was sich hier zugetragen hat.

Vor diesem Hintergrund entsteht 1948 die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme. Gegründet wird sie von ehemaligen Häftlingen, die aus dem Umkreis des Hamburger »Komitees ehemaliger politischer Gefangener« kommen. Anfangs hat die Arbeitsgemeinschaft vorrangig praktische Zwecke. Sie hilft durchreisenden Entlassenen aus den Konzentrationslagern, kümmert sich um Renten- und Entschädigungsfragen, oder organisiert Treffen für Hinterbliebene der Opfer. Zeitgleich sammelt sie Zeugenaussagen und Berichte über die ehemaligen Außenlager. So entsteht im Verlauf der Jahre ein umfangreiches Archiv, das bis heute die Basis zur Erforschung Neuengammes darstellt. Damals jedoch dient es zunächst einmal dazu, gegenüber Staat und Firmen die Ansprüche ehemaliger Häftlinge nachzuweisen und NS-Verbrecher zu identifizieren, die untergetaucht oder unbehelligt geblieben sind. Letzteres tut bitter Not.

Allen Lippenbekenntnissen vom „Neuanfang“ zum Trotz sitzen frühere Nazis längst wieder in Schlüsselpositionen der Gesellschaft - ob in Firmen, Behörden, Justiz, Polizei oder Verwaltung. Von dort sabotieren sie die Aufklärung von NS-Verbrechen und behindern die demokratische Erneuerung. Die meisten Nachkriegsdeutschen möchten schnell vergessen. Der Kalte Krieg bietet westdeutschen Politikern die Chance, sich den Siegermächten als Helfer gegen die sowjetische Bedrohung anzudienen und Fachkräfte aus der NS-Ära in den „Aufbau“ zu integrieren. Unter dem Deckmantel des Antikommunismus inszeniert Kanzler Adenauer die große Versöhnung mit den Tätern. Ehemalige Widerstandskämpfer werden als Vaterlandsverräter, Kritiker als „Agenten Moskaus“ denunziert. Die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ wird als „kommunistische Tarnorganisation“ klassifiziert.
Der Hamburger Senat bildet zu den bundesdeutschen Bemühungen, die Nazivergangenheit zu verdrängen, keine Ausnahme. Bürgermeister Max Brauer unterstützt nicht nur den Bau der Justizvollzugsanstalt XII auf dem ehemaligen KZ-Gelände, sondern will 1951 die jährlich stattfindenden »Pèlerinagen« ehemaliger Häftlinge aus dem Ausland verbieten. Doch seine Macht reicht nicht aus, um die Erinnerung „auszulöschen“. Mitte der fünfziger Jahre erzwingen französische Überlebende, dass sie ihrer Toten nicht mehr nur am Urnenmahnmal auf dem Friedhof Ohlsdorf, sondern in Neuengamme selbst gedenken dürfen. Gespräche mit der Arbeitsgemeinschaft allerdings lehnt der Hamburger Senat weiterhin kategorisch ab.

1958 dann schließen sich auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft hin die westeuropäischen Häftlingsverbände zur »Amicale Internationale de Neuengamme« zusammen, um fortan gemeinsam von der Bundesregierung und dem Hamburger Senat einen würdigen Umgang mit dem Andenken der in Neuengamme Ermordeten und ihrem politischen Erbe einzufordern. Doch bereits seit 1948 nutzt die Hanseatische Justizbehörde den Kernbereich des früheren Stammlagers Neuengamme als Haftanstalt. Mit deutschen Vertretern ehemaliger Häftlinge über die Schaffung einer Gedenkstätte zu reden, lehnt der Hamburger Senat ab. Erst durch die Mobilisierung der Amicale und massiven internationalen Druck kommt es zu Gesprächen.

1965 richtete der Senat das heutige Mahnmal ein, die Amicale Internationale KZ Neuengamme finanzierte die Skulptur des sterbenden Häftlings. Doch es dauert weitere sechzehn Jahre, bis das seit langem geforderte Dokumentenhaus in unmittelbarer Nähe des Mahnmals eröffnet wird. Es erweist sich bald als zu klein, um seiner Aufgabe als Gedenk- und Forschungsstätte gerecht zu werden.

Immer wieder protestieren die Häftlingsverbände gegen die Nutzung des ehemaligen Lagers als Gefängnis und fordern seine Verlegung. Der Ort, an dem zahllose ihrer Kameraden hingerichtet worden sind, sei kein Platz, um „humanen Strafvollzug auszuüben“, sondern ein Friedhof. Statt jedoch die Vollzugsanstalt zu schließen, errichtet der Senat 1970 eine weitere Anstalt auf dem Boden der ehemaligen Tongruben, in unmittelbarer Nähe des Klinkerwerks. Endlich, im Jahr 1989, erklärt der damalige Erste Bürgermeister Dr. Henning Voscherau erstmals, dass der Senat zu einer Verlegung der Gefängnisse grundsätzlich bereit sei.

Am 30. Juni 2003, achtundfünfzig Jahre nach der Befreiung, wurde die JVA XII geräumt. Damit stehen nun die noch erhaltenen Gebäude des Lagers der Gedenkstätte zur Verfügung.