Archiv für den Monat: September 2012

Pressemitteilung vom 22.09.2012

Angriff auf ehemalige Zwangsarbeiterinnen
und Zwangsarbeiter in Hamburg‐Bergedorf am 21.09.2012

Mit Bestürzung und Wut hat die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme von einem gewalttätigen Angriff auf eine Gruppe ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie ihrer Angehörigen in Hamburg‐Bergedorf erfahren.
Diese waren aus Polen angereist, um der Einweihung des Mahnmals am Schleusengraben beizuwohnen, das an den Arbeitseinsatz tausender Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangener und Häftlinge des KZ Neuengamme während des Zweiten Weltkriegs in Bergedorfer Betrieben erinnern soll.Zu Beginn der Veranstaltung rannte ein Mann auf die hoch betagten Menschen zu und sprühte ihnen Pfefferspray ins Gesicht. Acht Personen mussten ärztlich versorgt werden. Doch es sind vor allem die seelischen Schmerzen dieser Menschen, die uns mit Wut und Trauer erfüllen. Offensichtlich wollte der Angreifer den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung die Anerkennung ihrer Leiden verweigern und traumatisierte sie damit ein weiteres Mal. Die unverletzten Mitglieder der Delegation entschieden sich, die Zeremonie, die trotz des Zwischenfalls fortgeführt wurde, geschlossen zu verlassen, mussten aber abseits stehend noch warten, bis sie abgeholt wurden.Dieser Anschlag schade dem Ansehen Deutschlands und sei „eine Schande für Deutschland“ war in der Presse zu lesen. Das Ansehen Deutschlands ist allerdings absolut nebensächlich, denn hier geht es um die Menschen, denen – wieder einmal – in Deutschland und von Deutschen geschadet wurde.Bergedorf hat eine aktive rechte Szene ‐ ist dies der Bergedorfer Polizei nicht bekannt? Warum wurden nicht mehr Menschen zum Schutz der Veranstaltung eingesetzt? 20 Jahre nach dem Pogrom in Rostock‐ Lichtenhagen und fast ein Jahr nach dem Bekanntwerden der Morde durch den NSU berichten Organisationen gegen rechts und Opferberatungsstellen rechter Gewalt, dass trotz der Sonntagsreden von Politikern die Strategie von Polizei und Justiz großteils unverändert darin besteht, rechte Gewalt zu verharmlosen und zu verbergen.Angriffe rechter Schläger werden häufig als Streit unter Jugendlichen oder als Taten sogenannter Spinner oder Einzeltäter verharmlost. So auch in diesem Fall. Ob der Angreifer psychisch verwirrt war oder nicht: Sein Angriff war offensichtlich geplant und politisch motiviert.

Fast 68 Jahre nach der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager gehören rechtsradikale und rassistische Anschläge auf Gedenkstätten, jüdische Friedhöfe, auf Juden (wie kürzlich in Berlin), auf Migrantinnen und Migranten, Flüchtlinge oder wie in Bergedorf auf Überlebende der NS‐Verbrechen, wieder vermehrt zum bundesdeutschen Alltag.

Die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme, als Organisation der politischen Überlebenden des KZ Neuengamme gegründet und heute Organisation ihrer Angehörigen und Unterstützer, fordert von Bezirk Bergedorf, der Freien und Hansestadt Hamburg, der Bundesregierung, von Polizei und Verfassungsschutz und nicht zuletzt von jedem Einzelnen:

Nehmen Sie endlich zur Kenntnis, dass es in Deutschland rechte Gewalt gibt!
Hören Sie auf, wegzuschauen und zu verharmlosen, denn damit wird das Problem nicht gelöst.

Projekte gegen rechte Gewalt sind seit langem von Mittelkürzungen betroffen. Dies muss sich ändern, um zu gewährleisten, dass ein Klima geschaffen werden kann und Menschen vor Übergriffen wie diesem geschützt sind.

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