Archiv für den Monat: Oktober 2012

Trauer um Robert Pinçon

Am Samstag, den 27. Oktober 2012 verstarb im Alter von 90 Jahren der langjährige Präsident der Amicale Internationale KZ Neuengamme (AIN)

Der international vielfach ausgezeichnete Robert Pinçon prägte federführend über 20 Jahre lang die Geschicke dieses Zusammenschlusses der Vereinigungen der Überlebenden, Hinterbliebenen und Angehörigen der Häftlinge des KZ Neuengamme in ganz Europa. Sein Einsatz galt der Bewahrung der Erinnerung an die Schrecken des Naziregimes, der Durchsetzung einer Gedenk- und Dokumentationsstätte in Neuengamme und dem Engagement für eine gerechte und friedvolle Welt.

Der am 25. Februar 1922 geborene Robert Pinçon engagierte sich als Absolvent der École Supérieure de Commerce de Paris im Widerstand gegen die deutsche Besatzungsherrschaft. Nach seiner Verweigerung der Rekrutierung zum Arbeitsdienst in Deutschland lebte er seit 1943 mit falschen Papieren im Untergrund. Am 16. Juni 1944 wurde er gemeinsam mit seiner Mutter verhaftet. Es folgten Verhöre und Folter durch die Gestapo und am 31. Juli 1944 die Deportation ins KZ Neuengamme, wo er unter anderen in den Tongruben und im Klinkerwerk arbeiten musste. Im Zuge der Lagerräumung entging er der Bombardierung der KZ-Schiffe in der Lübecker Bucht, da er zu den Glücklichen zählte, die kurz zuvor durch das Schwedische Rote Kreuz gerettet werden konnten. Er traf am 3. Mai 1945 in Trelleborg ein – und damit genau an dem Tag, an dem fast 7000 Häftlinge des KZ Neuengamme beim Untergang der „Cap Arcona“ und „Thielbek“ starben.

Der auf 35 kg abgemagerte Robert Pinçon war ein Jahr lang krank, ehe er 1946 wieder mit der Erwerbsarbeit beginnen konnte. In den folgenden Jahren arbeitete er in leitenden kaufmännischen Positionen der Kohle- und Erzbergbauindustrie. Seine Arbeit war mit vielen Reisen und längeren Auslandsaufenthalten verbunden.

Seit 1970 engagierte sich Robert Pinçon, der als Mitglied des „Parti Socialiste“ verschiedene kommunalpolitische Funktionen wahrnahm, in der Amicale de Neuengamme. 1984, ein Jahr nach seinem Ruhestand, wurde er Generalsekretär der französischen Amicale. Er engagierte sich besonders im Kampf gegen Geschichtsrevisionismus und Rassismus. Auf dem Kongress der Amicale Internationale KZ Neuengamme, der im Oktober 1990 in Mariánské Lázňe (Tschechoslowakei) stattfand, wurde er zu deren Präsidenten gewählt. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Tode über 22 Jahre inne.

Als im Herbst 2001 der neu gewählte Hamburger Senat die vorab getroffenen Vereinbarungen zur Übergabe des ehemaligen Lagergeländes an die Gedenkstätte wieder rückgängig machen wollte, reagierte Robert Pinçon schnell und energisch: Gemeinsam mit Jean Le Bris, Delegierter der französischen Amicale in der AIN, reiste er kurzerhand nach Hamburg und erzwang gemeinsam mit dem Generalsekretär der AIN, Fritz Bringmann, ein Gespräch mit dem designierten Ersten Bürgermeister, Ole von Beust. Weitere harte Verhandlungen mit von Beust und den Senatoren für Justiz, Bau und Kultur folgten, die schließlich zur Schließung beider Gefängnisse in Neuengamme und zur Herrichtung des ehemaligen Lagergeländes zu Dokumentations- und Bildungszwecken führte. 2005 weihte er in Neuengamme gemeinsam mit Kulturstaatsministerin Christina Weiss und Ole von Beust die neue Gedenkstätte in Neuengamme in Anwesenheit von 250 ehemaligen KZ-Häftlingen und Besucherinnen und Besucher aus Hamburg und der ganzen Welt ein.

Robert Pinçon, der den Umgestaltungsprozess der Gedenkstätte als Mitglied verschiedener Gremien aktiv begleitete, wurde vielfach geehrt und ausgezeichnet. Am 12. November 2010 überreichte ihm die Zweite Bürgermeisterin Christa Goetsch im Hamburger Rathaus das Bundesverdienstkreuz, das ihm vom Bundespräsidenten „für seine Bemühungen um Völkerverständigung und für seinen Kampf gegen aktuelle Formen des Faschismus“ verliehen wurde. Christa Goetsch betonte, dass es in erheblichem Maße seiner Initiative zu verdanken sei, dass aus dem ehemaligen Lagergelände des Konzentrationslagers Neuengamme in Hamburg ein würdiger Ort des Gedenkens geworden sei. Es sei damit auch sein Verdienst, dass die Stadt Hamburg zu einem „angemessenen offenen und ehrlichen Umgang mit dem furchtbaren geschichtlichen Erbe“ gefunden habe. Dies sei eine Grundvoraussetzung für wahre Völkerverständigung und ein gutes Miteinander im Europa des 21. Jahrhunderts.

Unvergessen ist die Rede von Robert Pinçon im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses am 3. Mai 2010, zu deren Abschluss er erklärte: „Die Zeit ist vergangen, doch die Erinnerung an all diese Kameraden lebt immer in uns weiter. Seit 65 Jahren vergeht kein einziger Tag, ohne dass unsere Gedanken uns nach Hamburg und Neuengamme zurückführen, sei es nur wegen des hier erlebten Leidens. Diese Erde ist auch unsere. Ich bin vermutlich nicht der Einzige, der das empfindet, und in diesem Rathaus möchte ich in der Sprache Goethes, Schillers, Thomas Manns, Günter Grass und so vieler anderer im Namen aller Deportierten sagen: ‚Wir sind alle Hamburger‘!“

Zu seinem 90. Geburtstag erklärte er, dass dieses Alter für ihn selbst unvorstellbar sei. Denn nach seiner Befreiung 1945, als er in Schweden langsam wieder gesund gepflegt wurde, hätte er es schon als Gnade empfunden, vielleicht noch 10 Lebensjahre zu leben. Nun sind in seinem zweiten Leben, dem Leben nach dem KZ, 67 Jahre erfüllten Schaffens geworden. Bei seinem letzten Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme am 16. Mai dieses Jahres, als er die von ihm wie ein Schatz in Ehren gehaltene Häftlingskleidung seiner Mutter übergab, formulierte Robert Pinçon den Wunsch: „Die Erinnerung an die vielen toten und leidenden Menschen während des Naziregimes soll wachgehalten werden – von den nächsten Generationen.“

Mit Robert Pinçon verliert die Gedenkstättenarbeit in Neuengamme nicht nur einen ihrer wichtigsten Protagonisten. Wir verlieren auch einen beeindruckenden, doch stets unprätentiösen, klugen und immer warmherzigen Menschen, der sein Leben der Bewahrung der Erinnerung an die Schrecken des Naziregimes, der Durchsetzung einer Gedenk- und Dokumentationsstätte in Neuengamme und dem Engagement für eine gerechte und friedvolle Welt gewidmet hat. Seinem Vermächtnis, dem Vermächtnis der KZ-Überlebenden werden wir uns weiterhin verpflichtet wissen.

Amicale Internationale KZ Neuengamme
Ulrike Jensen

Arbeitsgemeinschaft Neuengamme
Bertrand Wahls

KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Dr. Detlef Garbe

Trauer um Robert Pinçon (PDF)