Archiv für den Monat: Mai 2014

Rede zum Volkstrauertag

von Bernhard Esser, gehalten am 18. November 2012
(geringfügig überarbeitete Fassung vom Mai 2014)

Sehr geehrte Frau Veit,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

ich möchte mich kurz vorstellen:
mein Name ist Bernhard Esser, ich bin Jahrgang 1944. Mein Großvater Fritz Esser wurde als Bürgerschafts- und Reichstagsabgeordneter gleich 1933 verhaftet und ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel, dem sogenannten „Kolafu“, inhaftiert.
Mein Onkel, Alwin Esser, wurde im November 1933 im „Kolafu“ von der Gestapo erschlagen. Zur gleichen Zeit war auch mein Vater, Rudolf Esser, in Fuhlsbüttel in Haft. Hier in Neuengamme war mein Vater ab Februar 1944 bis März 1945 politischer KZ-Häftling. Sie alle hätten wenig Verständnis dafür, dass ich heute hier am Volkstrauertag spreche.

Mein Großvater, mein Vater und ich kannten alle noch sehr gut die Volkstrauertage, die ab 1952 bis weit in die 70er Jahre hinein, immer noch fast wie die alten Heldengedenktage begangen wurden. Mit viel Pathos gedachte man der toten Soldaten beider Weltkriege. Heute ist allgemein anerkannt, dass deutsche Soldaten des zweiten Weltkrieges einen verbrecherischen Angriffs- und Vernichtungskrieg führten und dabei zugleich zu Tätern und Opfern wurden.

Meine Familie stand auf der anderen Seite, derer man Jahrzehnte nicht gedachte und um die man offiziell in Deutschland lange Zeit nicht trauerte. Dies galt für die Opfer in den KZ´s wie hier in Neuengamme genauso wie für die Menschen des Widerstandes und für die Kriegsgegner. Ich erinnere mich noch sehr gut, als meine Großmutter in den 50-iger Jahren jeden Abend die riesige, eiternde Wunde meines Großvaters versorgte, die er sich im ersten Weltkrieg (1917) zuzog, als ihm die Schulter weggeschossen wurde. Er als Pazifist, der mir als kleiner Junge versicherte, niemals einen Menschen angeschossen oder erschossen zu haben, weil er immer bewusst danebengeschossen hat, er musste sich sein Leben lang mit dieser schweren Verletzung quälen, über vierzig Jahre lang.

Ich erinnere ebenfalls noch sehr gut, wie mein Vater in den frühen 50-iger Jahren in seiner Schuhmacherwerkstatt einen Zornesausbruch hatte, als er erfuhr, dass der KZ- Arzt Ulrich Schnapauff seine Arztpraxis in Fuhlsbüttel wieder eröffnen durfte. Dr. Schnapauff war von 1933 bis 1945 für das Konzentrationslager/Gestapogefängnis Fuhlsbüttel zuständig. Er war derjenige KZ- Arzt, der 1933 auf dem Totenschein meines Onkels Alwin Esser den Mord durch die Gestapo als Suizid dokumentierte.

Wie im Fall des Dr. Schnapauff erlebten mein Großvater und mein Vater, dass in der Nachkriegszeit zahlreiche alte Nazis wieder aus ihren Löchern krochen und einflussreiche Positionen in Politik, Justiz und im gesamten öffentlichen Leben einnahmen.

Ich erinnere mich auch noch sehr gut, jeden Morgen wenn ich zur Arbeit zum Postamt am Stephansplatz ging, dass ich diesen schrecklichen, kriegsverherrlichenden Klotz am Dammtor sah, auf dem in so menschenverachtender Weise in Stein gemeißelt steht „Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen“. Diese Soldaten- und Heldenverehrung war mir stets zuwider.

Wir sollten heute auch derer gedenken, die man viel zu lange aus der öffentlichen Erinnerung ausgeschlossen hat: der Deserteure. Für mich die wahren Helden, die zu Hitler und Deutschlands mörderischem Krieg „Nein“ gesagt haben.

Wir wollen der unzähligen Frauen und Männer in ganz Europa gedenken, die im Widerstand gegen die Nazis ihr Leben riskierten und allzu oft leider auch verloren haben.