Archiv für den Monat: Juni 2017

Rückschau auf “Austerlitz“

Am 20. März zeigte die AGN den Dokumentarfilm „Austerlitz“ von Serge Loznitsa im Centro Sociale in Hamburg. In diesem Film werden Besucher und BesucherInnen von KZ-Gedenkstätten gezeigt. Im Anschluss diskutierten wir -der Filmkritiker Dietrich Kuhlbrodt musste leider absagen- mit Ulrike Jensen, Leiterin des Bereiches Gedenkstättenpädagogik der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.
In „Austerlitz“ werden erschreckende Zustände dokumentiert. Im Sommer -so vermitteln es die Bilder des Filmes- strömen große Mengen leger gekleideter Tourist*innen in KZ-Gedenkstätten (wir erkannten viele Szenen aus der Mahn-und Gedenkstätte Sachsenhausen). Sie stauen sich vor Baracken, machen Selfies an bekannten Punkten wie dem Eingangstor oder dem Krematorium und packen ihre Fresspakete aus. Die Besucher*innen wirken manchmal gut gelaunt und erlebnishungrig. Die Standkamera von Loznitsa fing zeitweise auch die Erklärungen von Guides der KZ-Gedenkstätten ein. Deren Erklärungen wirken z.T. deplatziert und schienen uns im Stile von Touristenführungen (nicht im Sinne einer Gedenkstättenpädagogik) konzipiert zu sein. Beispielsweise setzt ein Guide zu einem Monolog zur Geschichte von Georg Elser und dem Scheitern seines Attentates an.
Der Filmkritiker Dietrich Kuhlbrodt hat in konkret (12/2016) eine Empfehlung ausgesprochen: „Der Film ist mir nahekommen. Intensiv.“ Beim Betrachten der langen Einstellungen von Sergei Loznitsa bleibt Zeit zum Reflektieren. Über BesucherInnen, die ihre Kinder mitbringen. Über Guides, die schlechte Stories erzählen. Oder über BesucherInnen, die ernsthaft Texte lesen, Orte wirken lassen (und eher nicht in Gruppen unterwegs sind).

In der Diskussion wurde kritisch zum Film angemerkt, dass die Reaktionen von BesucherInnen durch die filmische Einstellung deplaziert wirken, hier jedoch der Blick der Kamera nicht die Nachwirkung und spätere Verarbeitung zeigen kann. Oft treten bei Besuchen in KZ-Gedenkstätten Reaktionen auf, die nur auf den ersten Blick verfehlt wirken. Kritisch wurde auch gefragt, warum Loznitsa in schwarz/weiß gedreht hat.

Während der Diskussion wurde angemerkt, dass es erschreckend ist, wie weit auch Orte wie KZ-Gedenkstätten einer warenförmigen Rezeption unterworfen sind.
Doch scheint diese Art des Besuches nicht steuerbar. Eine Lenkung oder Kontrolle von BesucherInnen wünscht sich niemand. Wie und ob Mensch aus einem solchen Besuch lernt, ist von vielen weiteren Faktoren abhängig.
Ulrike Jensen merkte an, dass die KZ-Gedenkstätte Neuengamme angesichts wesentlich kleinerer BesucherInnenmengen noch nicht so stark mit solchen Problemen konfrontiert ist.
Dieser Film hat einige wichtige Fragen, denen sich KZ-Gedenkstätten stellen müssen, aufgezeigt.