Gedenkveranstaltung in Wandsbek, 29.8.2017, in Kooperation mit der Bezirksversammlung Wandsbek und dem Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Vor 73 Jahren: Ein KZ mitten in Wandsbek

Gedenkveranstaltung Dienstag, 29. August 2017, 18.00 Uhr

Ort: KZ-Gedenkstätte Wandsbek

Programm

Begrüßung: Peter Pape (Vorsitzender der Bezirksversammlung Wandsbek)

Rede: Stefan Romey (Autor des Buches: Ein KZ in Wandsbek)

Musikalische Begleitung durch: Alexandra Hebart (Mezzosopran) und Katharina Hempel (Gitarre)

Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung soll in einer Schweigeminute am neu verlegten Stolperstein der ermordeten Raja Ilinauk gedacht werden. Die Bezirksversammlung Wandsbek hat zum Gedenken an Raja Ilinauk die Verlegung eines Stolpersteins beschlossen und bezuschusst.

An der idyllisch gelegenen Wohnsiedlung „An der Rahlau“ befand sich vor 73 Jahren eines der Ham-burger Außenlager des KZ Neuengamme. Mehr als fünfhundert Frauen mussten hier von Juni 1944 bis Ende April 1945 Gasmasken für die Lübecker Drägerwerk AG herstellen. In den letzten Kriegswochen wurden sie dann meist zum Trümmerräumen eingesetzt. Noch im März 1945 führte die Drägerwerk AG an den Frauen dieses KZ Versuche in Luftschutzbunkern aus, in denen erforscht werden sollte, wie lange Menschen in einem gasdichten Luftschutzraum ohne Belüftungsanlage überleben können.

Seit vielen Jahren gedenken wir am 29. August der Opfer des KZ Wandsbek.

Es ist der Tag, an dem Raja Ilinauk „zur Abschreckung“ für die anderen Häftlinge auf dem Lagergelände öffentlich erhängt wurde. Grund: Anfang August war ihr aus Müdigkeit und Erschöpfung eine schwere Gussform runtergefallen, für die SS war es „Sabotage“.

Erst seit sieben Jahren existiert an diesem Ort eine der Öffentlichkeit zugängliche KZ-Gedenkstätte, welche an die nationalsozialistischen Verbrechen erinnert und an der der Opfer gedacht wird. Schon mehrfach wurde in dieser Zeit die Gedenkstätte in Wandsbek beschädigt. Es ist deshalb umso wichtiger, jedes Jahr gemeinsam an die Geschichte des KZ Wandsbek und das Leiden der dort inhaftierten Frauen zu erinnern.

2010: Einweihung der Gedenkstätte mit ehemaligen Häftlingen des KZ Wandsbek

…bringt eine Rose mit…

Anfahrt:

U1 Wandsbek Markt, Bus M9, Zugang über Nordmarkstraße

oder über den Parkplatz von Mc Donalds

Rückschau auf “Austerlitz“

Am 20. März zeigte die AGN den Dokumentarfilm „Austerlitz“ von Serge Loznitsa im Centro Sociale in Hamburg. In diesem Film werden Besucher und BesucherInnen von KZ-Gedenkstätten gezeigt. Im Anschluss diskutierten wir -der Filmkritiker Dietrich Kuhlbrodt musste leider absagen- mit Ulrike Jensen, Leiterin des Bereiches Gedenkstättenpädagogik der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.
In „Austerlitz“ werden erschreckende Zustände dokumentiert. Im Sommer -so vermitteln es die Bilder des Filmes- strömen große Mengen leger gekleideter Tourist*innen in KZ-Gedenkstätten (wir erkannten viele Szenen aus der Mahn-und Gedenkstätte Sachsenhausen). Sie stauen sich vor Baracken, machen Selfies an bekannten Punkten wie dem Eingangstor oder dem Krematorium und packen ihre Fresspakete aus. Die Besucher*innen wirken manchmal gut gelaunt und erlebnishungrig. Die Standkamera von Loznitsa fing zeitweise auch die Erklärungen von Guides der KZ-Gedenkstätten ein. Deren Erklärungen wirken z.T. deplatziert und schienen uns im Stile von Touristenführungen (nicht im Sinne einer Gedenkstättenpädagogik) konzipiert zu sein. Beispielsweise setzt ein Guide zu einem Monolog zur Geschichte von Georg Elser und dem Scheitern seines Attentates an.
Der Filmkritiker Dietrich Kuhlbrodt hat in konkret (12/2016) eine Empfehlung ausgesprochen: „Der Film ist mir nahekommen. Intensiv.“ Beim Betrachten der langen Einstellungen von Sergei Loznitsa bleibt Zeit zum Reflektieren. Über BesucherInnen, die ihre Kinder mitbringen. Über Guides, die schlechte Stories erzählen. Oder über BesucherInnen, die ernsthaft Texte lesen, Orte wirken lassen (und eher nicht in Gruppen unterwegs sind).

In der Diskussion wurde kritisch zum Film angemerkt, dass die Reaktionen von BesucherInnen durch die filmische Einstellung deplaziert wirken, hier jedoch der Blick der Kamera nicht die Nachwirkung und spätere Verarbeitung zeigen kann. Oft treten bei Besuchen in KZ-Gedenkstätten Reaktionen auf, die nur auf den ersten Blick verfehlt wirken. Kritisch wurde auch gefragt, warum Loznitsa in schwarz/weiß gedreht hat.

Während der Diskussion wurde angemerkt, dass es erschreckend ist, wie weit auch Orte wie KZ-Gedenkstätten einer warenförmigen Rezeption unterworfen sind.
Doch scheint diese Art des Besuches nicht steuerbar. Eine Lenkung oder Kontrolle von BesucherInnen wünscht sich niemand. Wie und ob Mensch aus einem solchen Besuch lernt, ist von vielen weiteren Faktoren abhängig.
Ulrike Jensen merkte an, dass die KZ-Gedenkstätte Neuengamme angesichts wesentlich kleinerer BesucherInnenmengen noch nicht so stark mit solchen Problemen konfrontiert ist.
Dieser Film hat einige wichtige Fragen, denen sich KZ-Gedenkstätten stellen müssen, aufgezeigt.

Beileid Helge Hansen

 

Kære Helle, kære venner og kamerader fra Danmark,

med stor sorg har vi modtaget nyheden om Helge Hansens død..

Vores medfølelse gælder jer og hans pårørende.

Vi har oplevet Helge Hansen som en engageret og pålidelig kampfælle for erindringen om kz-lejren Neuengamme, han var en hædersmand. Regelmæssigt opsøgte han stedet, hvor han havde lidt og blev arresteret, Neuengamme. Det var en stor ære for os at kunne møde ham dér. Hans indsats for kz-mindestedets videre udvikling og ikke mindst for de forbund af de overlevende fanger, deres pårørende og efterladte, som fandt sammen i Amicale Internationale Neuengamme, er uforglemmeligt for os. Især er vi ham taknemligt for, at han fortsatte traditionen af den danske Landsforeningen, et stærk og tjenstedygtigt forbund..

Vi er ham også taknemligt for hans budskab til os, den yngre generation, at unge mennesker fandt modet for at yde modstand mod nazisternes herskab og de tyske besættere og derved risikere alt, også hvis det gjaldt deres liv. Vi vil prøve på og gøre voes bedste, at bære hans budskab videre.

Med de bedste ønsker og hjertelige hilsener

Thomas Käpernick for AG Neuengamme (Arbejdsfællesskabet Neuengamme)

Rede zum Volkstrauertag

von Bernhard Esser, gehalten am 18. November 2012
(geringfügig überarbeitete Fassung vom Mai 2014)

Sehr geehrte Frau Veit,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

ich möchte mich kurz vorstellen:
mein Name ist Bernhard Esser, ich bin Jahrgang 1944. Mein Großvater Fritz Esser wurde als Bürgerschafts- und Reichstagsabgeordneter gleich 1933 verhaftet und ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel, dem sogenannten „Kolafu“, inhaftiert.
Mein Onkel, Alwin Esser, wurde im November 1933 im „Kolafu“ von der Gestapo erschlagen. Zur gleichen Zeit war auch mein Vater, Rudolf Esser, in Fuhlsbüttel in Haft. Hier in Neuengamme war mein Vater ab Februar 1944 bis März 1945 politischer KZ-Häftling. Sie alle hätten wenig Verständnis dafür, dass ich heute hier am Volkstrauertag spreche.

Mein Großvater, mein Vater und ich kannten alle noch sehr gut die Volkstrauertage, die ab 1952 bis weit in die 70er Jahre hinein, immer noch fast wie die alten Heldengedenktage begangen wurden. Mit viel Pathos gedachte man der toten Soldaten beider Weltkriege. Heute ist allgemein anerkannt, dass deutsche Soldaten des zweiten Weltkrieges einen verbrecherischen Angriffs- und Vernichtungskrieg führten und dabei zugleich zu Tätern und Opfern wurden.

Meine Familie stand auf der anderen Seite, derer man Jahrzehnte nicht gedachte und um die man offiziell in Deutschland lange Zeit nicht trauerte. Dies galt für die Opfer in den KZ´s wie hier in Neuengamme genauso wie für die Menschen des Widerstandes und für die Kriegsgegner. Ich erinnere mich noch sehr gut, als meine Großmutter in den 50-iger Jahren jeden Abend die riesige, eiternde Wunde meines Großvaters versorgte, die er sich im ersten Weltkrieg (1917) zuzog, als ihm die Schulter weggeschossen wurde. Er als Pazifist, der mir als kleiner Junge versicherte, niemals einen Menschen angeschossen oder erschossen zu haben, weil er immer bewusst danebengeschossen hat, er musste sich sein Leben lang mit dieser schweren Verletzung quälen, über vierzig Jahre lang.

Ich erinnere ebenfalls noch sehr gut, wie mein Vater in den frühen 50-iger Jahren in seiner Schuhmacherwerkstatt einen Zornesausbruch hatte, als er erfuhr, dass der KZ- Arzt Ulrich Schnapauff seine Arztpraxis in Fuhlsbüttel wieder eröffnen durfte. Dr. Schnapauff war von 1933 bis 1945 für das Konzentrationslager/Gestapogefängnis Fuhlsbüttel zuständig. Er war derjenige KZ- Arzt, der 1933 auf dem Totenschein meines Onkels Alwin Esser den Mord durch die Gestapo als Suizid dokumentierte.

Wie im Fall des Dr. Schnapauff erlebten mein Großvater und mein Vater, dass in der Nachkriegszeit zahlreiche alte Nazis wieder aus ihren Löchern krochen und einflussreiche Positionen in Politik, Justiz und im gesamten öffentlichen Leben einnahmen.

Ich erinnere mich auch noch sehr gut, jeden Morgen wenn ich zur Arbeit zum Postamt am Stephansplatz ging, dass ich diesen schrecklichen, kriegsverherrlichenden Klotz am Dammtor sah, auf dem in so menschenverachtender Weise in Stein gemeißelt steht „Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen“. Diese Soldaten- und Heldenverehrung war mir stets zuwider.

Wir sollten heute auch derer gedenken, die man viel zu lange aus der öffentlichen Erinnerung ausgeschlossen hat: der Deserteure. Für mich die wahren Helden, die zu Hitler und Deutschlands mörderischem Krieg „Nein“ gesagt haben.

Wir wollen der unzähligen Frauen und Männer in ganz Europa gedenken, die im Widerstand gegen die Nazis ihr Leben riskierten und allzu oft leider auch verloren haben.

GENERATIONEN. KZ-Überlebende und die, die nach ihnen kommen

Fotoausstellung

Mark Mühlhaus eindrucksvolle Aufnahmen, die im Rahmen von Veranstaltungen in Gedenkstätten in Deutschland, Österreich und Polen entstanden, zeigen auf künstlerische Weise verschiedene Generationen des Erinnerns: KZ-Überlebende besuchen die alten Orte ihres Leidens, werden von ihren Angehörigen begleitet, treffen einander und begegnen Jugendlichen. Junge und alte Menschen reden oder schweigen, gedenken miteinander, sprechen und lachen oder trauern gemeinsam. Die nachdenklichen, traurigen, aber auch teils fröhlichen, ja fast übermütigen Photos, dokumentieren den Bezug der unterschiedlichen Generationen zueinander und regen dazu an, über die Weitergabe und die Zukunft des Erinnerns nachzudenken.

Denn nicht nur HistorikerInnen und GedenkstättenpädagogInnen, auch und besonders die Überlebenden selbst, wie Toni Dreilinger aus Israel, sorgen sich, die Erinnerung könne mit ihnen sterben: Wir haben Angst, dass es verloren geht nach unserem Tod. Wir werden nicht ewig da sein. Viele ZeitzeugInnen besuchen aus diesem Grund bis ins hohe Alter die ehemaligen Orte ihres Leidens. Sie treffen junge Menschen, erzählen wieder und wieder von ihren Erfahrungen im KZ, vom Verlust ihrer Familien, ihrer Würde, ihrer Hoffnungen, von Demütigungen, Schlägen, Hunger und Tod. Und die jungen Leute, die diese ZeitzeugInnengespräche besuchen, honorieren dies, wie Robert, Teamer eines Workcamps in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen 2010 berichtete: Die Jugendlichen merken, wie besonders es ist, dass jemand eine so negative Erfahrung mit ihnen teilt und wie persönlich Zeitzeugen dann aus ihrem Leben berichten, über Sachen, die wirklich grausam sind und über die es schwer fällt zu sprechen. Und dass die Zeitzeugen diesen Schritt gehen, über ihre Erlebnisse zu sprechen und das ihnen fremden Jugendlichen anzuvertrauen, das empfinden diese wirklich als etwas Besonderes und dafür sind sie dankbar und interessiert. Und wann hat man schon mal Jugendliche im Alter von 15 bis 20 Jahren, die eineinhalb Stunden lang einem 84-Jährigen zuhören?

Ein Flyer mit Ausstellungstexten von Ulrike Jensen, ein begleitender Bildband mit Fotos, Texten und Aussagen von Überlebenden sowie die Website www.projekt-generationen.org runden das Projekt »GENERATIONEN. KZ-Überlebende und die, die nach ihnen kommen« ab. Die Fotoausstellung selbst wird in verschiedenen KZ-Gedenkstätten und Städten gezeigt werden.

Fotos: Mark Mühlhaus | attenzione photographers
Texte: Ulrike Jensen

Ausstellung vom 15.04.2012 bis 13.06.2014

Stadtteilkulturzentrum Eidelstedter Bürgerhaus
Alte Elbgaustraße 12
22523 Hamburg

Trauer um Robert Pinçon

Am Samstag, den 27. Oktober 2012 verstarb im Alter von 90 Jahren der langjährige Präsident der Amicale Internationale KZ Neuengamme (AIN)

Der international vielfach ausgezeichnete Robert Pinçon prägte federführend über 20 Jahre lang die Geschicke dieses Zusammenschlusses der Vereinigungen der Überlebenden, Hinterbliebenen und Angehörigen der Häftlinge des KZ Neuengamme in ganz Europa. Sein Einsatz galt der Bewahrung der Erinnerung an die Schrecken des Naziregimes, der Durchsetzung einer Gedenk- und Dokumentationsstätte in Neuengamme und dem Engagement für eine gerechte und friedvolle Welt.

Der am 25. Februar 1922 geborene Robert Pinçon engagierte sich als Absolvent der École Supérieure de Commerce de Paris im Widerstand gegen die deutsche Besatzungsherrschaft. Nach seiner Verweigerung der Rekrutierung zum Arbeitsdienst in Deutschland lebte er seit 1943 mit falschen Papieren im Untergrund. Am 16. Juni 1944 wurde er gemeinsam mit seiner Mutter verhaftet. Es folgten Verhöre und Folter durch die Gestapo und am 31. Juli 1944 die Deportation ins KZ Neuengamme, wo er unter anderen in den Tongruben und im Klinkerwerk arbeiten musste. Im Zuge der Lagerräumung entging er der Bombardierung der KZ-Schiffe in der Lübecker Bucht, da er zu den Glücklichen zählte, die kurz zuvor durch das Schwedische Rote Kreuz gerettet werden konnten. Er traf am 3. Mai 1945 in Trelleborg ein – und damit genau an dem Tag, an dem fast 7000 Häftlinge des KZ Neuengamme beim Untergang der „Cap Arcona“ und „Thielbek“ starben.

Der auf 35 kg abgemagerte Robert Pinçon war ein Jahr lang krank, ehe er 1946 wieder mit der Erwerbsarbeit beginnen konnte. In den folgenden Jahren arbeitete er in leitenden kaufmännischen Positionen der Kohle- und Erzbergbauindustrie. Seine Arbeit war mit vielen Reisen und längeren Auslandsaufenthalten verbunden.

Seit 1970 engagierte sich Robert Pinçon, der als Mitglied des „Parti Socialiste“ verschiedene kommunalpolitische Funktionen wahrnahm, in der Amicale de Neuengamme. 1984, ein Jahr nach seinem Ruhestand, wurde er Generalsekretär der französischen Amicale. Er engagierte sich besonders im Kampf gegen Geschichtsrevisionismus und Rassismus. Auf dem Kongress der Amicale Internationale KZ Neuengamme, der im Oktober 1990 in Mariánské Lázňe (Tschechoslowakei) stattfand, wurde er zu deren Präsidenten gewählt. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Tode über 22 Jahre inne.

Als im Herbst 2001 der neu gewählte Hamburger Senat die vorab getroffenen Vereinbarungen zur Übergabe des ehemaligen Lagergeländes an die Gedenkstätte wieder rückgängig machen wollte, reagierte Robert Pinçon schnell und energisch: Gemeinsam mit Jean Le Bris, Delegierter der französischen Amicale in der AIN, reiste er kurzerhand nach Hamburg und erzwang gemeinsam mit dem Generalsekretär der AIN, Fritz Bringmann, ein Gespräch mit dem designierten Ersten Bürgermeister, Ole von Beust. Weitere harte Verhandlungen mit von Beust und den Senatoren für Justiz, Bau und Kultur folgten, die schließlich zur Schließung beider Gefängnisse in Neuengamme und zur Herrichtung des ehemaligen Lagergeländes zu Dokumentations- und Bildungszwecken führte. 2005 weihte er in Neuengamme gemeinsam mit Kulturstaatsministerin Christina Weiss und Ole von Beust die neue Gedenkstätte in Neuengamme in Anwesenheit von 250 ehemaligen KZ-Häftlingen und Besucherinnen und Besucher aus Hamburg und der ganzen Welt ein.

Robert Pinçon, der den Umgestaltungsprozess der Gedenkstätte als Mitglied verschiedener Gremien aktiv begleitete, wurde vielfach geehrt und ausgezeichnet. Am 12. November 2010 überreichte ihm die Zweite Bürgermeisterin Christa Goetsch im Hamburger Rathaus das Bundesverdienstkreuz, das ihm vom Bundespräsidenten „für seine Bemühungen um Völkerverständigung und für seinen Kampf gegen aktuelle Formen des Faschismus“ verliehen wurde. Christa Goetsch betonte, dass es in erheblichem Maße seiner Initiative zu verdanken sei, dass aus dem ehemaligen Lagergelände des Konzentrationslagers Neuengamme in Hamburg ein würdiger Ort des Gedenkens geworden sei. Es sei damit auch sein Verdienst, dass die Stadt Hamburg zu einem „angemessenen offenen und ehrlichen Umgang mit dem furchtbaren geschichtlichen Erbe“ gefunden habe. Dies sei eine Grundvoraussetzung für wahre Völkerverständigung und ein gutes Miteinander im Europa des 21. Jahrhunderts.

Unvergessen ist die Rede von Robert Pinçon im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses am 3. Mai 2010, zu deren Abschluss er erklärte: „Die Zeit ist vergangen, doch die Erinnerung an all diese Kameraden lebt immer in uns weiter. Seit 65 Jahren vergeht kein einziger Tag, ohne dass unsere Gedanken uns nach Hamburg und Neuengamme zurückführen, sei es nur wegen des hier erlebten Leidens. Diese Erde ist auch unsere. Ich bin vermutlich nicht der Einzige, der das empfindet, und in diesem Rathaus möchte ich in der Sprache Goethes, Schillers, Thomas Manns, Günter Grass und so vieler anderer im Namen aller Deportierten sagen: ‚Wir sind alle Hamburger‘!“

Zu seinem 90. Geburtstag erklärte er, dass dieses Alter für ihn selbst unvorstellbar sei. Denn nach seiner Befreiung 1945, als er in Schweden langsam wieder gesund gepflegt wurde, hätte er es schon als Gnade empfunden, vielleicht noch 10 Lebensjahre zu leben. Nun sind in seinem zweiten Leben, dem Leben nach dem KZ, 67 Jahre erfüllten Schaffens geworden. Bei seinem letzten Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme am 16. Mai dieses Jahres, als er die von ihm wie ein Schatz in Ehren gehaltene Häftlingskleidung seiner Mutter übergab, formulierte Robert Pinçon den Wunsch: „Die Erinnerung an die vielen toten und leidenden Menschen während des Naziregimes soll wachgehalten werden – von den nächsten Generationen.“

Mit Robert Pinçon verliert die Gedenkstättenarbeit in Neuengamme nicht nur einen ihrer wichtigsten Protagonisten. Wir verlieren auch einen beeindruckenden, doch stets unprätentiösen, klugen und immer warmherzigen Menschen, der sein Leben der Bewahrung der Erinnerung an die Schrecken des Naziregimes, der Durchsetzung einer Gedenk- und Dokumentationsstätte in Neuengamme und dem Engagement für eine gerechte und friedvolle Welt gewidmet hat. Seinem Vermächtnis, dem Vermächtnis der KZ-Überlebenden werden wir uns weiterhin verpflichtet wissen.

Amicale Internationale KZ Neuengamme
Ulrike Jensen

Arbeitsgemeinschaft Neuengamme
Bertrand Wahls

KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Dr. Detlef Garbe

Trauer um Robert Pinçon (PDF)

Pressemitteilung vom 22.09.2012

Angriff auf ehemalige Zwangsarbeiterinnen
und Zwangsarbeiter in Hamburg‐Bergedorf am 21.09.2012

Mit Bestürzung und Wut hat die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme von einem gewalttätigen Angriff auf eine Gruppe ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie ihrer Angehörigen in Hamburg‐Bergedorf erfahren.
Diese waren aus Polen angereist, um der Einweihung des Mahnmals am Schleusengraben beizuwohnen, das an den Arbeitseinsatz tausender Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangener und Häftlinge des KZ Neuengamme während des Zweiten Weltkriegs in Bergedorfer Betrieben erinnern soll.Zu Beginn der Veranstaltung rannte ein Mann auf die hoch betagten Menschen zu und sprühte ihnen Pfefferspray ins Gesicht. Acht Personen mussten ärztlich versorgt werden. Doch es sind vor allem die seelischen Schmerzen dieser Menschen, die uns mit Wut und Trauer erfüllen. Offensichtlich wollte der Angreifer den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung die Anerkennung ihrer Leiden verweigern und traumatisierte sie damit ein weiteres Mal. Die unverletzten Mitglieder der Delegation entschieden sich, die Zeremonie, die trotz des Zwischenfalls fortgeführt wurde, geschlossen zu verlassen, mussten aber abseits stehend noch warten, bis sie abgeholt wurden.Dieser Anschlag schade dem Ansehen Deutschlands und sei „eine Schande für Deutschland“ war in der Presse zu lesen. Das Ansehen Deutschlands ist allerdings absolut nebensächlich, denn hier geht es um die Menschen, denen – wieder einmal – in Deutschland und von Deutschen geschadet wurde.Bergedorf hat eine aktive rechte Szene ‐ ist dies der Bergedorfer Polizei nicht bekannt? Warum wurden nicht mehr Menschen zum Schutz der Veranstaltung eingesetzt? 20 Jahre nach dem Pogrom in Rostock‐ Lichtenhagen und fast ein Jahr nach dem Bekanntwerden der Morde durch den NSU berichten Organisationen gegen rechts und Opferberatungsstellen rechter Gewalt, dass trotz der Sonntagsreden von Politikern die Strategie von Polizei und Justiz großteils unverändert darin besteht, rechte Gewalt zu verharmlosen und zu verbergen.Angriffe rechter Schläger werden häufig als Streit unter Jugendlichen oder als Taten sogenannter Spinner oder Einzeltäter verharmlost. So auch in diesem Fall. Ob der Angreifer psychisch verwirrt war oder nicht: Sein Angriff war offensichtlich geplant und politisch motiviert.

Fast 68 Jahre nach der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager gehören rechtsradikale und rassistische Anschläge auf Gedenkstätten, jüdische Friedhöfe, auf Juden (wie kürzlich in Berlin), auf Migrantinnen und Migranten, Flüchtlinge oder wie in Bergedorf auf Überlebende der NS‐Verbrechen, wieder vermehrt zum bundesdeutschen Alltag.

Die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme, als Organisation der politischen Überlebenden des KZ Neuengamme gegründet und heute Organisation ihrer Angehörigen und Unterstützer, fordert von Bezirk Bergedorf, der Freien und Hansestadt Hamburg, der Bundesregierung, von Polizei und Verfassungsschutz und nicht zuletzt von jedem Einzelnen:

Nehmen Sie endlich zur Kenntnis, dass es in Deutschland rechte Gewalt gibt!
Hören Sie auf, wegzuschauen und zu verharmlosen, denn damit wird das Problem nicht gelöst.

Projekte gegen rechte Gewalt sind seit langem von Mittelkürzungen betroffen. Dies muss sich ändern, um zu gewährleisten, dass ein Klima geschaffen werden kann und Menschen vor Übergriffen wie diesem geschützt sind.

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