Erklärung zu Hubert Zafke – SS-Sanitäter waren keine Rädchen im Getriebe

Hamburg, 28. September 2017

SS-Sanitäter waren keine Rädchen im Getriebe
Der Fall des ehemaligen SS-Mannes Hubert Zafke – Erklärung zur Einstellung des Verfahrens

Mit Fassungslosigkeit und Empörung haben wir die Einstellung des Gerichtsverfahrens gegen den früheren SS-Mann Hubert Zafke zur Kenntnis genommen. Auch 72 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus ist es offenbar noch immer nicht möglich, den Opfern des Nationalsozialismus und ihren Nachkommen vor bundesdeutschen Gerichten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Die Staatsanwaltschaft warf Hubert Zafke vor, dass er im KZ Auschwitz „durch seine Tätigkeiten das auf Arbeitsteilung beruhende Vernichtungsgeschehen“ gefördert und somit Beihilfe zum Mord geleistet zu haben. Die Anklage lautete auf Beihilfe zum Mord in mindestens 3.681 Fällen.

Klaus Kabisch, der Vorsitzende Richter am Landgericht Neubrandenburg, sah das anders. Er legte es von Anfang an darauf an, den Prozess zu verzögern, die Beweiserhebung zu blockieren und Nebenkläger aus dem Verfahren zu drängen. Nach wiederholten Befangenheitsanträgen der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage sowie einer Strafanzeige wegen Rechtsbeugung entzog das Landgericht dem Richter im Juni 2017 endlich das Verfahren. Dieser Schritt kam jedoch zu spät. Zweieinhalb Jahre nach Anklageerhebung ist der Angeklagte nun nicht mehr verhandlungsfähig. Aufgrund der Verschleppung des Verfahrens durch den Richter bleiben Zafkes Taten im nationalsozialistischen Vernichtungsapparat ungesühnt.

Während Hubert Zafke im KZ Auschwitz Dienst tat, wurde an der Rampe Walter Plywaskis Mutter zur unmittelbaren Vergasung selektiert. Walter Plywaski war einer der Nebenkläger im Neubrandenburger Prozess, die Richter Kabisch aus dem Verfahren zu drängen versuchte. Zafke versah seinen Dienst in Auschwitz als SS-Sanitäter im Krankenrevier, wo ebenfalls Selektionen durchgeführt wurden. Zuvor war er im KZ Neuengamme eingesetzt. Auch im Krankenrevier dieses Konzentrationslagers wurden routinemäßig kranke und geschwächte Häftlinge durch Giftspritzen umgebracht. Die Zahl der Opfer wird auf etwa 1.000 Menschen geschätzt. SS-Sanitäter waren keine Rädchen im Getriebe, sie haben auch aktiv gemordet. Welche Kenntnis Hubert Zafke von diesen Verbrechen hatte und was er tat, wird nun für immer ungeklärt bleiben.

Jahrzehntelang wurden die Taten von SS-Angehörigen in den Konzentrationslagern kaum oder nur mit geringen Strafen geahndet. Erst in den letzten Jahren zeigten Gerichte die Bereitschaft, den KZ-Dienst in den Vernichtungslagern als Beihilfe zum Mord anzuerkennen. Der Bundesgerichtshof hat 2016 das Urteil im Lüneburger Auschwitz-Prozess vom Juli 2015 gegen den SS-Mann Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Mord an 300.000 Menschen bestätigt. Auch im Detmolder Prozess befand das Landgericht 2016 den SS-Wachmann Reinhold Hanning der Beihilfe zum Mord an 170.000 Menschen im KZ Auschwitz für schuldig, wenn auch das Urteil nicht mehr rechtskräftig wurde. Diese Fortschritte wurden vom Landgericht Neubrandenburg konterkariert. In der Öffentlichkeit machte sich zudem Empathie mit dem Angeklagten breit. Sein Strafverteidiger Peter-Michael Diestel, der das Verfahren als „Todesstrafe“ für seinen Mandanten bezeichnete, hat Zafke in absurder Umkehr der Tatsachen als Opfer dargestellt.

Wo es um die Anerkennung der Opfer und die Aufklärung von Verbrechen geht, sind zivilisatorische Mindeststandards berührt. Die Bemühungen um Aufklärung müssen intensiviert werden. In der Öffentlichkeit, in den Familien und auch in Gedenkstätten muss eine Selbstaufklärung stattfinden. Nicht nur die Überlebenden, auch ihre Nachkommen müssen gehört und anerkannt werden, denn ihnen ist jahrzehntelang Unrecht widerfahren, auch durch die mangelnde Ahndung der NS-Verbrechen. Zukünftig wird es kaum mehr möglich sein, Täter und Täterinnen vor Gericht zu stellen. Es müssen nun andere Wege gefunden werden, um den Opfern und ihren Angehörigen Gerechtigkeit zu verschaffen.

Arbeitsgemeinschaft Neuengamme e.V., Hamburg
Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e.V., Hamburg
Context. Bausteine für historische und politische Bildung e.V., Rostock
Amicale Internationale KZ Neuengamme

ad memoriam Christian Hartz

Einladung: Am Freitag 29. September 2017 findet im Hamburger Schulmuseum das Ad-memoriam für Christian Hartz statt. Damit sollen seine langjährigen Leistungen gewürdigt und einige seiner Überlegungen, Ideen und Ergebnisse gedanklich als Vermächtnis ausgesprochen werden.

Christian Hartz war Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme. Wir sind Mitveranstalterin. Weitere Informationen und die Anmeldeadresse finden sich in der pdf hier:

ad memoriam Christian Hartz 29092017 Einladung

Die Erinnerung ab und Verantwortung für das Verbrechen der NS-Zwangsarbeit bleiben aktuell.

Erklärung der Lagergemeinschaften „Dem Rechtsruck entgegentreten“

Dem Rechtsruck entgegentreten

Erklärung des Netzwerks der Lagergemeinschaften

aus Anlass der Bundestagswahl am 24. September 2017

Mit überaus großer Besorgnis nehmen wir, die Vertreter der von den ehemaligen Häftlingen der Konzentrationslager gegründeten Interessenverbände, den weltweiten Rechtsruck und die Erfolge der Rechtspopulisten in Europa und Deutschland zur Kenntnis.

Vor dem Hintergrund des ungebremsten globalen Kapitalismus haben sich Armut und soziale Ungerechtigkeit sowie die damit einhergehenden gesellschaftlichen Konflikte in den letzten Jahren erheblich verschärft. Armut, anhaltende Kriege und religiös begründete Radikalisierung führen weltweit zu instabilen Verhältnissen und großen Flüchtlingsbewegungen.

Eine allgemeine Verunsicherung äußert sich momentan europaweit in dem Wieder-aufleben nationalistischer und völkischer Ideologien, die sich nicht nur gegen alles vermeintlich Fremde und Andersartige und ein geeintes Europa richten, sondern auch gegen die über Jahrzehnte erkämpften Errungenschaften der demokratischen Zivilgesellschaft. Diese Werte und Errungenschaften, Offenheit und Akzeptanz, Solidarität und Mitbestimmung, Emanzipation und Schutz von Minderheiten, nicht zuletzt die Freiheit der Presse und von Wissenschaft, Kunst und Kultur, gilt es mit allen Kräften zu verteidigen und den reaktionären Tendenzen entgegenzutreten.

In einigen Ländern Europas sind Rechtspopulisten schon an der Regierung, in anderen konnte dies nur durch den Zusammenschluss aller demokratischen, antifaschistischen Kräfte verhindert werden. Besonders unerträglich für uns ist der Erfolg der AfD in Deutschland, die mit Islam- und Fremdenfeindlichkeit sowie weiteren rechten Positionen ein bedrohlich großes Wählerpotential erreichen kann. Ihre Vertreter bezeichnen die Gedenkkultur an die nationalsozialistischen Verbre-chen als Zeichen der Schande und fordern ein Ende der „politischen Korrektheit“.

Dies geschieht in einer Zeit, in der nur noch wenige Überlebende der Konzen-trationslager aus eigenem Erleiden Auskunft über die Verbrechen des Nationalsozialismus geben können.

Im „Vermächtnis der Überlebenden“ erklärten 2009 die Vertreter von zehn internationalen Häftlingsverbänden:

(…) Aber auch Europa hat seine Aufgabe: Anstatt unsere Ideale für Demokratie, Frieden, Toleranz, Selbstbestimmung und Menschenrechte durchzusetzen, wird Geschichte nicht selten benutzt, um zwischen Menschen, Gruppen und Völkern Zwietracht zu säen. (…) Die letzten Augenzeugen wenden sich an Deutschland, an alle europäischen Staaten und die internationale Gemeinschaft, die menschliche Gabe der Erinnerung und des Gedenkens auch in der Zukunft zu bewahren und zu würdigen. Wir bitten die jungen Menschen, unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen, eine Welt, in der Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen.“

Wir, die wir dieses Vermächtnis fortführen, wenden uns deutlich gegen jegliche Form rechter, menschen- und demokratiefeindlicher Ideologien und Tendenzen und stellen uns dieser wachsenden Bedrohung, gemeinsam mit allen demokratisch Gesinnten, nach Kräften entgegen.

Nach dem sich abzeichnenden Ende der Zeitzeugenschaft kommt den KZ-Gedenkstätten und den Gedenkstätten und Museen zum NS-Terror eine noch größere Bedeutung in der Vermittlung der Geschichte zu. Daher fordern wir von der Bundesregierung und den Landesregierungen eine intensivere Förderung dieser Gedenkstätten und Museen. Ebenso fordern wir alle Vertreter der demokratischen Parteien auf, dies zu unterstützen und sich für eine bessere Ausstattung der Gedenkstätten einzusetzen, insbesondere im Bereich der pädagogischen Arbeit. Junge Menschen müssen die Möglichkeit erhalten, sich qualifiziert und differenziert mit diesem Teil der Geschichte zu beschäftigen, um sich kritisch mit den Inhalten des Rechtspopulismus auseinandersetzen zu können.

Unterzeichnende Verbände:

Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer e.V.

Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e.V.

Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e.V.

Deutsches Mauthausenkomitee Ost e.V.

Lagergemeinschaft und Gedenkstätte KZ Moringen e.V.

Lagergemeinschaft Ravensbrück / Freundeskreis e.V.

Lagerarbeitsgemeinschaft KZ Sachsenburg e.V.

Sachsenhausen-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e.V.

Arbeitsgemeinschaft Neuengamme e.V.

Unterstützer:

Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisttinnen

Und Antifaschisten e.V. ( VVN -BdA )

Gedenkveranstaltung in Wandsbek, 29.8.2017, in Kooperation mit der Bezirksversammlung Wandsbek und dem Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Vor 73 Jahren: Ein KZ mitten in Wandsbek

Gedenkveranstaltung Dienstag, 29. August 2017, 18.00 Uhr, Ort: KZ-Gedenkstätte Wandsbek

Programm

Begrüßung: Peter Pape (Vorsitzender der Bezirksversammlung Wandsbek)

Rede: Stefan Romey (Autor des Buches: Ein KZ in Wandsbek)

Musikalische Begleitung durch: Alexandra Hebart (Mezzosopran) und Katharina Hempel (Gitarre)

Die gesamte Einladung zu dieser Veranstaltung findet sich in dieser PDF: Gedenkveranstaltung Wandsbek 2017

Rückschau auf “Austerlitz“

Am 20. März zeigte die AGN den Dokumentarfilm „Austerlitz“ von Serge Loznitsa im Centro Sociale in Hamburg. In diesem Film werden Besucher und BesucherInnen von KZ-Gedenkstätten gezeigt. Im Anschluss diskutierten wir -der Filmkritiker Dietrich Kuhlbrodt musste leider absagen- mit Ulrike Jensen, Leiterin des Bereiches Gedenkstättenpädagogik der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.
In „Austerlitz“ werden erschreckende Zustände dokumentiert. Im Sommer -so vermitteln es die Bilder des Filmes- strömen große Mengen leger gekleideter Tourist*innen in KZ-Gedenkstätten (wir erkannten viele Szenen aus der Mahn-und Gedenkstätte Sachsenhausen). Sie stauen sich vor Baracken, machen Selfies an bekannten Punkten wie dem Eingangstor oder dem Krematorium und packen ihre Fresspakete aus. Die Besucher*innen wirken manchmal gut gelaunt und erlebnishungrig. Die Standkamera von Loznitsa fing zeitweise auch die Erklärungen von Guides der KZ-Gedenkstätten ein. Deren Erklärungen wirken z.T. deplatziert und schienen uns im Stile von Touristenführungen (nicht im Sinne einer Gedenkstättenpädagogik) konzipiert zu sein. Beispielsweise setzt ein Guide zu einem Monolog zur Geschichte von Georg Elser und dem Scheitern seines Attentates an.
Der Filmkritiker Dietrich Kuhlbrodt hat in konkret (12/2016) eine Empfehlung ausgesprochen: „Der Film ist mir nahekommen. Intensiv.“ Beim Betrachten der langen Einstellungen von Sergei Loznitsa bleibt Zeit zum Reflektieren. Über BesucherInnen, die ihre Kinder mitbringen. Über Guides, die schlechte Stories erzählen. Oder über BesucherInnen, die ernsthaft Texte lesen, Orte wirken lassen (und eher nicht in Gruppen unterwegs sind).

In der Diskussion wurde kritisch zum Film angemerkt, dass die Reaktionen von BesucherInnen durch die filmische Einstellung deplaziert wirken, hier jedoch der Blick der Kamera nicht die Nachwirkung und spätere Verarbeitung zeigen kann. Oft treten bei Besuchen in KZ-Gedenkstätten Reaktionen auf, die nur auf den ersten Blick verfehlt wirken. Kritisch wurde auch gefragt, warum Loznitsa in schwarz/weiß gedreht hat.

Während der Diskussion wurde angemerkt, dass es erschreckend ist, wie weit auch Orte wie KZ-Gedenkstätten einer warenförmigen Rezeption unterworfen sind.
Doch scheint diese Art des Besuches nicht steuerbar. Eine Lenkung oder Kontrolle von BesucherInnen wünscht sich niemand. Wie und ob Mensch aus einem solchen Besuch lernt, ist von vielen weiteren Faktoren abhängig.
Ulrike Jensen merkte an, dass die KZ-Gedenkstätte Neuengamme angesichts wesentlich kleinerer BesucherInnenmengen noch nicht so stark mit solchen Problemen konfrontiert ist.
Dieser Film hat einige wichtige Fragen, denen sich KZ-Gedenkstätten stellen müssen, aufgezeigt.

Beileid Helge Hansen

 

Kære Helle, kære venner og kamerader fra Danmark,

med stor sorg har vi modtaget nyheden om Helge Hansens død..

Vores medfølelse gælder jer og hans pårørende.

Vi har oplevet Helge Hansen som en engageret og pålidelig kampfælle for erindringen om kz-lejren Neuengamme, han var en hædersmand. Regelmæssigt opsøgte han stedet, hvor han havde lidt og blev arresteret, Neuengamme. Det var en stor ære for os at kunne møde ham dér. Hans indsats for kz-mindestedets videre udvikling og ikke mindst for de forbund af de overlevende fanger, deres pårørende og efterladte, som fandt sammen i Amicale Internationale Neuengamme, er uforglemmeligt for os. Især er vi ham taknemligt for, at han fortsatte traditionen af den danske Landsforeningen, et stærk og tjenstedygtigt forbund..

Vi er ham også taknemligt for hans budskab til os, den yngre generation, at unge mennesker fandt modet for at yde modstand mod nazisternes herskab og de tyske besættere og derved risikere alt, også hvis det gjaldt deres liv. Vi vil prøve på og gøre voes bedste, at bære hans budskab videre.

Med de bedste ønsker og hjertelige hilsener

Thomas Käpernick for AG Neuengamme (Arbejdsfællesskabet Neuengamme)

Rede zum Volkstrauertag

von Bernhard Esser, gehalten am 18. November 2012
(geringfügig überarbeitete Fassung vom Mai 2014)

Sehr geehrte Frau Veit,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

ich möchte mich kurz vorstellen:
mein Name ist Bernhard Esser, ich bin Jahrgang 1944. Mein Großvater Fritz Esser wurde als Bürgerschafts- und Reichstagsabgeordneter gleich 1933 verhaftet und ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel, dem sogenannten „Kolafu“, inhaftiert.
Mein Onkel, Alwin Esser, wurde im November 1933 im „Kolafu“ von der Gestapo erschlagen. Zur gleichen Zeit war auch mein Vater, Rudolf Esser, in Fuhlsbüttel in Haft. Hier in Neuengamme war mein Vater ab Februar 1944 bis März 1945 politischer KZ-Häftling. Sie alle hätten wenig Verständnis dafür, dass ich heute hier am Volkstrauertag spreche.

Mein Großvater, mein Vater und ich kannten alle noch sehr gut die Volkstrauertage, die ab 1952 bis weit in die 70er Jahre hinein, immer noch fast wie die alten Heldengedenktage begangen wurden. Mit viel Pathos gedachte man der toten Soldaten beider Weltkriege. Heute ist allgemein anerkannt, dass deutsche Soldaten des zweiten Weltkrieges einen verbrecherischen Angriffs- und Vernichtungskrieg führten und dabei zugleich zu Tätern und Opfern wurden.

Meine Familie stand auf der anderen Seite, derer man Jahrzehnte nicht gedachte und um die man offiziell in Deutschland lange Zeit nicht trauerte. Dies galt für die Opfer in den KZ´s wie hier in Neuengamme genauso wie für die Menschen des Widerstandes und für die Kriegsgegner. Ich erinnere mich noch sehr gut, als meine Großmutter in den 50-iger Jahren jeden Abend die riesige, eiternde Wunde meines Großvaters versorgte, die er sich im ersten Weltkrieg (1917) zuzog, als ihm die Schulter weggeschossen wurde. Er als Pazifist, der mir als kleiner Junge versicherte, niemals einen Menschen angeschossen oder erschossen zu haben, weil er immer bewusst danebengeschossen hat, er musste sich sein Leben lang mit dieser schweren Verletzung quälen, über vierzig Jahre lang.

Ich erinnere ebenfalls noch sehr gut, wie mein Vater in den frühen 50-iger Jahren in seiner Schuhmacherwerkstatt einen Zornesausbruch hatte, als er erfuhr, dass der KZ- Arzt Ulrich Schnapauff seine Arztpraxis in Fuhlsbüttel wieder eröffnen durfte. Dr. Schnapauff war von 1933 bis 1945 für das Konzentrationslager/Gestapogefängnis Fuhlsbüttel zuständig. Er war derjenige KZ- Arzt, der 1933 auf dem Totenschein meines Onkels Alwin Esser den Mord durch die Gestapo als Suizid dokumentierte.

Wie im Fall des Dr. Schnapauff erlebten mein Großvater und mein Vater, dass in der Nachkriegszeit zahlreiche alte Nazis wieder aus ihren Löchern krochen und einflussreiche Positionen in Politik, Justiz und im gesamten öffentlichen Leben einnahmen.

Ich erinnere mich auch noch sehr gut, jeden Morgen wenn ich zur Arbeit zum Postamt am Stephansplatz ging, dass ich diesen schrecklichen, kriegsverherrlichenden Klotz am Dammtor sah, auf dem in so menschenverachtender Weise in Stein gemeißelt steht „Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen“. Diese Soldaten- und Heldenverehrung war mir stets zuwider.

Wir sollten heute auch derer gedenken, die man viel zu lange aus der öffentlichen Erinnerung ausgeschlossen hat: der Deserteure. Für mich die wahren Helden, die zu Hitler und Deutschlands mörderischem Krieg „Nein“ gesagt haben.

Wir wollen der unzähligen Frauen und Männer in ganz Europa gedenken, die im Widerstand gegen die Nazis ihr Leben riskierten und allzu oft leider auch verloren haben.

GENERATIONEN. KZ-Überlebende und die, die nach ihnen kommen

Fotoausstellung

Mark Mühlhaus eindrucksvolle Aufnahmen, die im Rahmen von Veranstaltungen in Gedenkstätten in Deutschland, Österreich und Polen entstanden, zeigen auf künstlerische Weise verschiedene Generationen des Erinnerns: KZ-Überlebende besuchen die alten Orte ihres Leidens, werden von ihren Angehörigen begleitet, treffen einander und begegnen Jugendlichen. Junge und alte Menschen reden oder schweigen, gedenken miteinander, sprechen und lachen oder trauern gemeinsam. Die nachdenklichen, traurigen, aber auch teils fröhlichen, ja fast übermütigen Photos, dokumentieren den Bezug der unterschiedlichen Generationen zueinander und regen dazu an, über die Weitergabe und die Zukunft des Erinnerns nachzudenken.

Denn nicht nur HistorikerInnen und GedenkstättenpädagogInnen, auch und besonders die Überlebenden selbst, wie Toni Dreilinger aus Israel, sorgen sich, die Erinnerung könne mit ihnen sterben: Wir haben Angst, dass es verloren geht nach unserem Tod. Wir werden nicht ewig da sein. Viele ZeitzeugInnen besuchen aus diesem Grund bis ins hohe Alter die ehemaligen Orte ihres Leidens. Sie treffen junge Menschen, erzählen wieder und wieder von ihren Erfahrungen im KZ, vom Verlust ihrer Familien, ihrer Würde, ihrer Hoffnungen, von Demütigungen, Schlägen, Hunger und Tod. Und die jungen Leute, die diese ZeitzeugInnengespräche besuchen, honorieren dies, wie Robert, Teamer eines Workcamps in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen 2010 berichtete: Die Jugendlichen merken, wie besonders es ist, dass jemand eine so negative Erfahrung mit ihnen teilt und wie persönlich Zeitzeugen dann aus ihrem Leben berichten, über Sachen, die wirklich grausam sind und über die es schwer fällt zu sprechen. Und dass die Zeitzeugen diesen Schritt gehen, über ihre Erlebnisse zu sprechen und das ihnen fremden Jugendlichen anzuvertrauen, das empfinden diese wirklich als etwas Besonderes und dafür sind sie dankbar und interessiert. Und wann hat man schon mal Jugendliche im Alter von 15 bis 20 Jahren, die eineinhalb Stunden lang einem 84-Jährigen zuhören?

Ein Flyer mit Ausstellungstexten von Ulrike Jensen, ein begleitender Bildband mit Fotos, Texten und Aussagen von Überlebenden sowie die Website www.projekt-generationen.org runden das Projekt »GENERATIONEN. KZ-Überlebende und die, die nach ihnen kommen« ab. Die Fotoausstellung selbst wird in verschiedenen KZ-Gedenkstätten und Städten gezeigt werden.

Fotos: Mark Mühlhaus | attenzione photographers
Texte: Ulrike Jensen

Ausstellung vom 15.04.2012 bis 13.06.2014

Stadtteilkulturzentrum Eidelstedter Bürgerhaus
Alte Elbgaustraße 12
22523 Hamburg